Exkursion nach Hadamar

Eingang zur Gedenkstätte Hadamar
Abb. 1: Eingang zur Gedenkstätte

Der Deutsch-Israelische Freundeskreis Neuwied unternahm im Februar 2013 eine Exkursion in die Tötungsanstalt Hadamar, an der sowohl Erwachsene als auch eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Leistungskurse Geschichte der Jahrgangsstufe 12 des Rhein-Wied-Gymnasiums teilnahmen. Auf der Hinfahrt erläuterte Dr. Jürgen Ries, Leiter der Jüdischen Gemeinde Neuwied-Mittelrhein, die Verstrickungen der Ärzteschaft in die Rassenhygiene und Euthanasie auch bereits vor dem Nationalsozialismus. Zudem referierte Dr. Ries über seine Recherchen zu Ludwig Otto Brück. Dieser war das einzige zudem jüdische Opfer der Saffiger Krankenanstalt, das über die Heil– und Pflegeanstalt Andernach nach Hadamar deportiert und dort getötet wurde. Vortrag von Herrn Dr. Ries lesen

Dr. Lilienthal empfängt die Besucher
Abb. 2: Dr. Lilienthal instruiert die Besucher

In Hadamar wurden die Erwachsenen vom Leiter der Gedenkstätte, Dr. Georg Lilienthal, geführt. Die Jugendlichen wurden von Thomas Wieder betreut. In den Ausstellungsräumen der Gedenkstätte werden zahlreiche Einzelschicksale ebenso wie die Verstrickungen von Juristen, Ärzten und ihren Institutionen ausführlich und anschaulich dokumentiert. Auch die Vernichtungspolitik des Naziregimes wird verdeutlicht. Waren diese Dokumente schon höchst eindrucksvoll und schwer zu ertragen, so führten die Leidensorte der Opfer insbesondere in den original erhaltenen Kellerräumen den beiden Gruppen das ungeheuerliche und unmenschliche Geschehen in schrecklicher Weise vor Augen.

Hadamar war ausschließlich Tötungsanstalt, eine von sechs Mordanstalten, in denen insgesamt mehr als 70.000 Menschen durch Gas ermordet wurden. In den 6 Tötungsanstalten wurden die späteren Mordmethoden der KZs getestet und perfektioniert. Die Opfer wurden nach Aktenlage auf der Grundlage von Meldebögen in Berlin, Tiergartenstraße (T4-Aktion) von ca. 40 Ärzten selektiert und mit Zügen in sogenannte „Zwischenlager“ in Hessen, Rheinland-Pfalz (u.a. auch in die Landesnervenklinik Andernach), Baden-Württemberg und Bayern verbracht. Diese Lager dienten der Verschleierung der Verlegungswege und zur zahlenmäßigen „Regulierung“ der Transporte. Waren die Menschen erst einmal durch Gesundheitsämter erfasst, waren sie praktisch verloren. Ärzte vor Ort hatten nur einen geringen Einfluss und erreichten meist lediglich eine erneute Prüfung in Berlin.

In den „Zwischenlagern“ wurden die Opfer in grauen, verhangenen Bussen abgeholt und nach Hadamar gebracht. Noch heute ist die wieder errichtete originale Busgarage zu sehen, von der aus die Patienten durch einen überdachten Gang in das Gebäude geführt wurden. Zunächst mussten sie sich nackt ausziehen sowie Schmuck und Wertsachen abliefern. Danach wurde ihre Identität festgestellt und mit einem Stempel auf den Arm und in der Akte festgehalten. Im Arztzimmer wurde bestimmt, welche Todesursache den Verwandten später in Übereinstimmung mit der Krankenakte mitgeteilt werden sollte. Anschließend wurden sie im Fotoraum fotografiert.

Seziertisch
Abb. 3: Seziertisch
Gaskammer
Abb. 4: Gaskammer
Schrifttafel zur Konstruktion des Krematoriumofens
Abb. 5: Eine Schrifttafel erläutert die technische Konstruktion des Krematoriumofens

Gruppenweise wurden die Menschen in die Gaskammer im Keller geführt und in Gruppen von 50-60 Personen vergast. Besonders beunruhigte und verängstigte Opfer waren mit einer Spritze – wahrscheinlich Morphium – ruhig gestellt worden. Im angrenzenden „Sektionsraum“ wurden den Leichen die Gehirne entnommen. Sie wurden dann über den „Schleifgang“ zu den beiden Krematoriumsöfen gezogen und verbrannt. Es müssen wohl zwischen 100 und 120 Leichen in 24 Stunden, also um 400 bis 600 Leichen pro Woche, verbrannt worden sein. Der Verbleib der Asche ist noch nicht völlig geklärt. Auf jeden Fall fuhren ständig die grauen Busse durch Hadamar und die Schornsteine rauchten fast täglich. Die Bewohner müssen zwar Bescheid gewusst haben, durften aber nicht darüber reden. Verstöße wurden mit dem KZ geahndet.

 
Der Schleifgang
Abb. 6: Blick durch den „Schleifgang“ auf die Stelle des Krematoriumofens
Blick in Richtung des früheren Krematoriumofens
Abb. 7: Blick in Richtung auf die Stelle des früheren Krematoriumofens

1941 wurde das Morden durch Gas eingestellt. Graf Galen, Bischof von Münster, hatte alles publik gemacht. Zudem wurden die Auswirkungen des Krieges in Bombardierungen und Rationierungen immer spürbarer und Erfolgsmeldungen aus dem Russlandfeldzug blieben aus, so dass das Regime ein Wegkippen der „Heimatfront“ befürchtete.

Dies bedeutete jedoch nicht das Ende des Schreckens und der Unmenschlichkeit in Hadamar. Ab 1942 wurden Menschen durch Spritzen, Medikamente und systematisches Verhungernlassen ermordet.

Auf Anfrage führte Dr. Lilienthal aus, dass die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ in den Universitäten, in den ärztlichen Verbänden und weiten Teilen der Öffentlichkeit Gemeingut war. Die Angestellten wurden nach Hadamar abgeordnet und zum Schweigen verpflichtet; sie erhielten höhere Gehälter und waren vom Frontdienst befreit. Wer nicht in den ersten 2-3 Monaten den Absprung schaffte, hatte kaum mehr Chancen, diesen Ort zu verlassen.


Weitere Informationen über die Gedenkstätte Hadamar:

www.gedenkstaette-hadamar.de

wikipedia.org/wiki/Gedenkstaette_Hadamar

Rede von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, Aachen zum Gedenkveranstaltung 2010 in Berlin: "Psychiatrie im Nationalsozialismus - Erinnerung und Verantwortung"

Gegen Vergessen - Für Demokratie, Juli 2011
(Bericht über die Gedenkstätte Hadamar)

Artikel von Dirk Eberz aus: Rhein-Zeitung Neuwied: Zeitgeschehen Journal vom 3.12.2013 "Von der Heilanstalt zur Mordfabrik"

Fotos:

Abb. 4: Frank Winkelmann (CC BY 3.0)

Abb. 1,2,3,5-7: privat

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